Aus Zürich – aktuelle Neuigkeit: Das Kreuz mit Haken

Sehr fundierter Artikel, die für das Lesen investierte Zeit lohnt sich für alle die sich für Zürich interessieren.

Die Botschaft verfehlt: Hakenkreuz am Hauptbahnhof. Bild: persoenlich.com / Lucienne Vaudan

Die Botschaft verfehlt: Hakenkreuz am Hauptbahnhof. Bild: persoenlich.com / Lucienne Vaudan

«Nicht jeder, der für die Durchsetzungsinitiative ist, ist ein Nazi!», hör ich jetzt oft aus dem Munde vieler meiner politisch korrekten, urbanen Freunde. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wortwörtlich heisst das, dass es doch viele «Nazis» unter den Befürwortern gibt, dass man aber nicht alle in diesen Topf werfen kann.

Das ist dumm, natürlich gibt es kaum Nazis in der Schweiz. Der Nationalsozialismus ist eine sehr klar definierte, politische Perversion, hinter der nur geistig kranke Menschen wirklich stehen können. Wir Linken sind uns seit den 80ern gewohnt, die Nazikeule zu schwingen, wann immer es um Fremdenfeindlichkeit und Rassismus geht. Inzwischen ist diese Keule so abgenutzt,das man damit kaum noch jemanden trifft. Sonst würden wohl auch keine bürgerlichen Politiker mit ihr gegen ihre Kollegen von weit rechts herumfuchteln.

Das Problem ist, dass wir schon so oft «Wolf» geschrien haben, dass jetzt, wenn der Wolf wirklich kommt, keiner mehr auf die Warnung hört.

Im Hauptbahnhof und an anderen Orten hängt ein Plakat mit einem Hakenkreuz, das sich aus einem Schweizer Kreuz bildet.  Es soll nicht sagen, dass die Befürworter der DSI Nazis sind, auch wenns zu 99 Prozent so gelesen wird. Kommunikationstechnisch ist das Plakat so ein Fehlschlag. Es erweckt Aufmerksamkeit, aber die Botschaft geht den Bach runter.

Das Plakat zieht nicht Vergleiche zum Holocaust oder zu den Kriegsverbrechen der Nazis. Das Plakat soll daran erinnern, mit welchen Mitteln sich eine grossartige, kultivierte Nation voller Vielfalt und Lebensfreude in einen blutigen, faschistischen Albtraum verwandelt hat. Die Botschaft ist, dass wir an einem Scheideweg stehen. Dass wir die Geschichte wiederholen. Die NSDAP ging denselben «demokratischen» Weg, an dessen Kreuzung wir jetzt stehen, um Grundrechte abzuschaffen. Wir sind dabei, eine Justiz einzuführen, bei der die Herkunft bereits ein Teil der Schuld und des Urteils ist.

Die Nazis waren nicht plötzlich eines Montagmorgens im Januar 1938 einfach da. In Deutschland wurden nicht von einem Tag auf den anderen alle normalen Bürger innert Minuten zu Monstern. Davor stand ein jahrelanger Weg, begleitet von Fehlinformation, Hetze, Angstmacherei und Propaganda. Die heutigen Kommunikationsmethoden ähneln denen der Nazis in weiten Teilen. Das Verändern von Begriffen, zum Beispiel aus der Härtefallklausel eine «Täterschutzklausel» zu machen, ist beste Propagandaarbeit, wie sie die NSDAP das erste Mal grossflächig benutzte. Das wiederholte Benutzen des Begriffs «Volk» (damals «Volksgesundheit», «Volksaufklärung», «Volkssturm» oder «völkischer Anzeiger») ist immer ein Indikator dafür, wenn jemand eine Bevölkerung in  «Wir, das Volk» und alle anderen, die anderer Meinung sind, aufspalten will.

Hitler und seine Freunde definierten – lange bevor sie an der totalen Macht waren – einen «Volksfeind». Und wer nicht in ihren Hass einstimmte, war kein echter Deutscher, kein Patriot. Und genau hier sollte man vielleicht wieder «Nazi»-Vergleiche machen. Nicht weil jetzt plötzlich viele Schweizer Nazis sind, sondern weil seit einiger Zeit dieselben Mechanismen an Fehlinformation und Propaganda greifen, mit denen die NSDAP damals an die Macht kam und jegliche Menschlichkeit legal aus dem demokratischen Staatsgebilde entfernte. Nicht auf einen Schlag, sondern Stück für Stück.

Bei uns wären diese kleinen Stücke die Abschaffung der Rechtsgleichheit, die Kündigung der Menschenrechtskonventionen, die Abschaffung der Gewaltentrennung, die Entmachtung des Parlaments zugunsten der Mehrheit des «Volkes».

Nur, wir leben in einer Demokratie. Demos bedeutet «Volk» nicht «Mehrheit». An den Urnen gibt die Mehrheit die Richtung vor. Das Parlament setzt diese Vorgaben dann so um, dass das Volk damit leben kann. Zum Volk gehören aber alle. Also auch jene, die an der Urne verloren haben. So funktioniert unsere Schweizer Demokratie. Nein, so funktionierte sie bis zur Durchsetzungsinitiative.

Wenn wir uns nicht mit der Nazi-Keule niederknüppeln lassen wollen, sollten wir am nächsten Wochenende dafür Sorge tragen, dass wir eine Demokratie bleiben. Und nicht zu einer Diktatur der Mehrheit werden.

Der Beitrag Das Kreuz mit Haken erschien zuerst auf Stadtblog.


Click: zum ganzen Eheringe-Text Das Kreuz mit Haken

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/02/23/die-abgenutzte-nazikeule/Das Kreuz mit Haken

Dem Verfasser des Berichtes ist es gelungen dem Thema Kunst voll und ganz gerecht zu werden.

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