Aus Zürich – aktuelle Neuigkeit: Seltsame Schwamendinger

Dieser Artikel bringt Licht ins Zürcher Dunkel!

gimes

Ein Taxifahrer erzählte mir einmal, er könne schon beim Einsteigen sagen, wo seine Fahrgäste herkommen. «Ich sehe den Leuten an, in welchem Stadtkreis sie wohnen.» Man merke es an den Kleidern, am Gang, an der Art zu reden.

Ich habe schon einmal über diesen Mann geschrieben. Weil er dafür steht, wie Städte funktionieren. Nämlich wie eine Ansammlung von Dörfern. Wir leben in Revieren, in Nachbarschaften, in vertrauten Zonen. Fühlen uns schnell einmal fremd, wenn wir unser Gebiet verlassen. Reisen in andere Quartiere, selbst in Zürich, sind ethnologische Abenteuer. Manchmal weiss man nicht einmal, wie man sich grüsst. Man kennt den Code nicht.

Kürzlich war ich in Seebach. Bei der Tramstation hatte es mindestens drei Imbissbuden, die Leute trugen Adidas-Trainer, ein Mann hatte einen Turban um den Kopf gewickelt. Ein paar Schritte abseits der Tramlinie erhob sich ein kleiner Hügel mit Einfamilienhäusern, schweizerischer gehts nicht mehr. Dann, am Bahndamm, Sozialwohnungen, verwahrlost.

Ich hätte gerne gewusst, wie die Stimmung im Quartier ist. Klar, man kann mit den Leuten reden. Oder eben, man wartet auf eine Abstimmung, wie die vom letzten Wochenende. Nehmen wir etwa Schwamendingen: 36 Prozent stimmten für die DSI (die Abkürzung gefällt mir, sie klingt nach Islamischem Staat und französischem Geheimdienst). Das war zu erwarten. Es war die höchste Zustimmungsrate in der Stadt. Aber sie liegt immer noch weit unter dem Schweizer Schnitt. Die Schwamendinger mit ihrem hohen Anteil an Ausländern haben toleranter gestimmt als die Innerschweizer, die weit weg wohnen von den Einwanderern.

Doch gleichzeitig waren die Schwamendinger sehr fortschrittlich. Sie haben die Initiative gegen Nahrungsmittelspekulation angenommen, mit 50,7 Prozent. Sie stimmten wie die progressiven Stadtkreise 3, 4, 5 und 6. Schwamendingen war relativ ausländerfeindlich, aber gleichzeitig drittweltfreundlich.

«Wie geht das zusammen?», fragte ich in einer Mail, die ich ein paar Freunden nach Schwamendingen schickte. «Hat Schwamendingen ein ausgeprägtes soziales Gewissen?», schrieb ich. «Lebt noch ein Funken Klassenkampf weiter? Tickt Schwamendingen weniger egoistisch als der satte Zürcher Mittelstand im Seefeld, in Fluntern, in Höngg? Dort, wo die Banker leben, die Börsenheinis und Finanzmenschen, die an der Nahrungsmittelspekulation verdienen?»

Meine Schwamendinger Freunde haben geantwortet. Klar, sagte einer, Schwamendingen sei immer noch das Quartier der Verlierer, die sich durch die Ausländer verunsichert fühlten. Aber das Viertel verändere sich. Es gebe Neuzuzüger, junge Familien, viele Studenten, weil die Mieten günstig sind. Und zweitens, ja, habe sich ein klassenkämpferisches Denken erhalten, man sei gegen die Bonzen, gegen die Geldsäcke, die Geschäfte machten auf dem Buckel der Armen. «Eine eigenartige Mischung, das Schwamendinger Volk», schrieb einer.

Hoffentlich wird sie nicht aussterben, die raue Herzlichkeit der Schwamendinger. Das nächste Mal werde ich darauf achten, wenn ich im Quartier bin, als Fremder aus Zürich.

Der Beitrag Seltsame Schwamendinger erschien zuerst auf Stadtblog.


Hier: ZUR SPANNENDEN TEXTQUELLE Seltsame Schwamendinger

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/03/03/seltsame-schwamendinger/Seltsame Schwamendinger

Dem Verfasser des Artikels ist es gelungen das Thema kompetent zu behandeln.

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