Nachricht aus Zürich: Wilder Kapitalismus

Ein lesenswerter Bericht zu Zürich.

gimes

An der Kreuzung Militärstrasse blieb vor mir ein Lancia stehen, ein Wagen mit Solothurner Nummer. Der Fahrer stieg aus und kam ans Fenster meines Autos, ein älterer Typ mit Schnauz, er hatte grosse Hände, Arbeiterhände. Die Ampel schaltete auf Grün, der Lancia hielt den ganzen Morgenverkehr auf. «Stazione, wo Fermata Pullman?», fragte der Mann. Er suchte den Carparkplatz, einen der unfreundlichsten Orte der Stadt.

Ich war dort, als die Buben aus dem Skilager nach Hause kamen, es hatte geregnet, und alle hatten sich unter den einzigen Unterstand geflüchtet, Eltern und Reisende, die auf den Bus warteten, Italiener, Deutsche, Leute aus dem Balkan, eine seltsame Mischung von bravem Mittelstand und Männern in dunklen Anzügen mit Goldketten, von üppigen Frauen in falschen Pelzmänteln, von sorgenvollen Grossmüttern mit Kopftüchern.

Alle paar Minuten fuhren die Busse vor, parkierten elegant, füllten sich in kurzer Zeit, erstaunlich viele Menschen stiegen ein. Verbindungen in alle deutschen Städte, nach Zagreb, Belgrad, Mailand, Bari, die Doppeldecker sind meist fantasievoll bemalt, Drachen der Landstrasse. Es gibt kein günstigeres Verkehrsmittel in die Heimat, die Busse sind der Aldi, der Lidl, der Barkat des Fernverkehrs.

Wie ein Aldi präsentiert sich auch der Carparkplatz. Wer mit dem Bus in Zürich ankommt, sieht eine schäbige Fläche, es gibt keine Anzeigetafel, kein Empfangsgebäude, keinen richtigen Billettschalter, nicht mal ein Café. Kein Vergleich mit dem gewaltigen Dock des Flughafens oder mit der Halle des Hauptbahnhofs – der Carparkplatz steht zuunterst auf der Hierarchie der Zürcher Willkommenskultur. Die Botschaft ist: Wer hier ankommt, wer hier losfährt, ist ein Loser.

Bahnhöfe, das waren einst die Kathedralen des Industriezeitalters, und Flugplätze waren die Tempel­anlagen der Moderne, aber der Zürcher Busbahnhof ist bloss ein Spiegelbild des wilden Kapitalismus draussen in Europa. Es sind meist private Bus­linien, die bei uns halten, jede spart, jede schaut für sich, kein Rappen wird in die gemeinsame Infrastruktur des Busbahnhofs investiert.

Anders in den Städten, wo die Busse herkommen. Busbahnhöfe sind dort Monumente des Art déco, heruntergekommen zwar, aber laut und voller Leben, es gibt Bars und Imbissbuden, kommuniziert wird auf elektronischen Tafeln. Eigentlich gehört unser Carparkplatz der Stadt und wird von der städtischen Liegenschaftsverwaltung betrieben. Aber ich habe einmal gelesen, dass die Stadt die Busse lieber nach Altstetten verlegen würde und darum nichts unternimmt, um den Ort etwas gastfreundlicher zu gestalten. Denn das Problem ist, dass die Buslinien lieber im Zentrum bleiben möchten, und so ist der Zürcher Busbahnhof verdammt zum ewigen Provisorium.

All das ging mir durch den Kopf, als ich dem Mann mit dem Lancia mitten auf der Strasse den Weg erklärte. Ein ungeduldiger Autofahrer hupte, aber es war mir egal. Ich wollte freundlich sein. Wahrscheinlich holte der Italiener jemanden ab, der die ganze Nacht unterwegs gewesen war; nicht einmal einen Kaffee würden sie trinken können am Zürcher Busbahnhof, bevor sie weiterfuhren in den Kanton Solothurn.

Der Beitrag Wilder Kapitalismus erschien zuerst auf Stadtblog.


Click: zur lesenswerten Quelle des Textes Wilder Kapitalismus

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/03/16/wilder-kapitalismus/Wilder Kapitalismus

Hoffentlich kommmt bald wieder ein Bericht zu diesem Thema

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