Betrifft Zürich: Dynamik von unten

Ein lesenswerter Artikel zum Thema “Zürich”

gimes

Vor Ostern war ich für einen Tag in Berlin. Kein langer Aufenthalt, zugegeben. Aber ich bin ein paar Jahre nicht mehr da gewesen, und was mir als Erstes auffiel, waren die kleinen Restaurants und Cafés, nicht grösser als ein Zimmer, wo immer man hinkommt – ob proletarische Gegend oder Etepetete. Zweitens ist die Stadt kosmopolitischer geworden. Und drittens hängt irgendwie alles mit allem zusammen.

Vielleicht bildete ich es mir bloss ein, aber ich hatte das Gefühl, von blossem Auge wahrnehmen zu können, wie die Stadt die Immigranten aufsaugt, einbaut, mitnimmt. Berlin wächst von unten nach oben. Und die Lebensqualität wächst mit, zumindest sieht es für den Reisenden so aus. Ich war in so einem zimmergrossen Café, irgendwo hinter dem Wittenbergplatz, ein Einmannbetrieb, hinter der Theke war ein Türke, es gab Ayran, den kalten türkischen Joghurtdrink, und frisch gemachte Plätzchen aus Mandeln und Sesam. Aber den Kaffee machte der Mann auf einer alten, glänzenden Espressomaschine, und es gab auch Cannoli, die sizilianischen Röhren mit Ricottafüllung, man sah, dass der Wirt von den Italienern gelernt hatte, er hatte das Beste aus verschiedenen Welten zusammengeführt. Fusions­küche an der Basis, das geht schneller, als man denkt.

Ich beobachtete die Leute, eine ältere Frau in Schwarz kam herein, schwarze Hosen, schwarzer Rollkragen, wie einst Juliette Gréco, dazu Turnschuhe und silbergraue Locken, sie war gross gewachsen und wirkte cool, später kam ihr Mann, auch er in Schwarz, langer Bart, aber nichts Schmuddeliges, nichts Abgehobenes, sie sprachen Finnisch und schienen im Viertel zu Hause zu sein, wahrscheinlich Künstler, die nach Berlin gezogen waren. Überhaupt sah ich ein paar selbstbewusste ältere Leute an diesem Tag, sie wirkten stark und unbeirrt. Vielleicht ist das auch ein Zeichen einer richtigen Stadt, dachte ich, dass es Menschen gibt, die mit Stil altern, ihr Ding machen, bis zum Tod.

Aber was zog sie an, warum wollten sie hier leben, was lockt Menschen in sogenannte Metropolen? Ist es das Gefühl, dass vor ihren Augen etwas entsteht, was es noch nie gegeben hat, eben diese Fusionen, dieses nachbarschaftliche Lernen von den anderen, dieses Verschmelzen von Feuer und Eis, Ayran und Espresso? Berlin, wie gesagt, wird aufgefüllt mit Einwanderern, Flüchtlingen, Schengen-Bürgern, neuen Gesichtern, Ideen; gegessen haben wir übrigens bei einem kleinen Israeli, es war hervorragend.

Aber wie steht es mit Zürich? Einst war auch unsere Stadt ein Melting Pot, auf ihre Art, klein und kontrolliert und reglementiert, aber der Motor war an. Beginnt er jetzt zu stottern? Man sieht immer noch neue Gesichter auf der Strasse, sie arbeiten im Finanzsektor – wo sind sie am Abend? Gelten ihnen die Veränderungen in der Stadt? Was bringen sie uns ausser Geld? Welchen Stil? Tendieren Leute mit Geld dazu, sich zurückzuziehen? Hat die Dynamik von unten nachgelassen? Stellt sich deshalb das Gefühl ein, bei jeder Neueröffnung einer Beiz, eines Cafés, dass man das irgendwo schon gesehen hat, vor Jahren in einer anderen Stadt? So eine Flüchtlingskur, sag ich mal zynisch, täte uns gut.

Der Beitrag Dynamik von unten erschien zuerst auf Stadtblog.


Klick HIER: zum ausserordentlich tollen Eheringe-Tipp Dynamik von unten

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/03/30/von-unten-nach-oben/Dynamik von unten

Der Verfasser des Artikels hat geschafft uns zum nachdenken anzuregen. Danke!

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