Aus Zürich – aktuelle News: Unsere Friedhöfe rocken!

Ein lesenswerter Bericht zu Zürich.

Schaad Märkli bellevue StehsatzAutor: Thomas Wyss

Bisweilen entdeckt man auch im deutschen Satiremagazin «Titanic» die eine oder andere ernsthafte Passage. So in der aktuellen Ausgabe, in der man lesen kann, dass die Menschen in der philippinischen Hauptstadt Manila mit dem Tod insofern unbefangen umgehen, als sich auf dem dortigen Friedhof mit seinen zwei Millionen Gräbern auch gut eintausend Lebende angesiedelt haben, die Läden betreiben und sich abends zum Karaoke-Singen versammeln.

Aufs aktuelle Zürich übersetzt, würde das etwa so aussehen: Andächtig durchschreitet man auf dem Friedhof Sihlfeld das Eingangsportal mit der Absicht, dem Jugendfreund, der in dieser prächtigen Anlage als Aschehaufen in der Urnenwand ruht, wieder mal einen Höflichkeitsbesuch abzustatten. Und plötzlich vernimmt man eine gut gelaunte Stimme, die ruft: «Vegi-Börger, frischi Vegi-Börger!» Am Streetfood-Stand nebenan kocht ein Exilindonesier Bami- und Nasigoreng, die Portion für 7.50, natürlich gibts auch das trendige John-Baker-Brot, im improvisierten Pop-up-Store verdealt ein Typ E-Bikes aus zweiter Hand… und sogar Ricco Bilger ist präsent, mit einer Mini-Dépendance seiner Buchhandlung Sec 52, in der er Sondereditionen von hier ehrenvoll begrabenen Literaten feilbietet; unter anderem den «Grünen Heinrich» von Gottfried Keller, die etwas in Vergessenheit geratene Satire «Herbst in der Grossen Orange» von Hugo Loetscher und, logo, das ganze «Heidi»- Melodrama von Johanna Spyri.

Bald nach dem Eindunkeln trudeln dann Hipsterbart-Folkies auf dem Friedhof ein, entfachen ein Lagerfeuer und versuchen, auf ihren Klampfen das Liedgut von Sophie Hunger zu covern. Weil dies auf die Dauer aber zu monoton würde, hat die Friedhofverwaltung einen Turnusplan erstellt, der vorsieht, dass jeden Freitag und Samstag ein paar harmlose Gangsta-Rapper, unterstützt von einer basslastigen Human Beatbox, kecke christliche Rhymes kicken können. Zudem ist vorgesehen, auf grossen Publikumswunsch hin am Dienstagabend – ein bisschen Manila muss sein – die vom Club Mascotte leider zu Grabe getragenen «Karaoke from Hell»-Abende nochmals auferstehen zu lassen.

Dass unsere Generation diese Revolution noch miterleben darf, ist zu bezweifeln. Dessen ungeachtet sind unsere Friedhöfe auch im jetzigen Format irgendwie Rock ’n’ Roll (wenn man das ausnahmsweise so sagen darf ). Weil sie es der gehetzten Urbanseele ermöglichen, ohne Bahnfahrt, Rucksack, Wanderstock und Anstrengung eine natürliche Zerstreuung zu finden. Und weil sie die tolle Chance offerieren, absurd anmutende Fragen zu stellen. Ostersonntags stand ich zum Beispiel auf dem Friedhof Manegg am Grab von Alfred Escher Grab_Alfred_Escherund erkundigte mich, ob er mit heutigem Wissensstand die Gotthardbahn gegenüber der von ihm ursprünglich favorisierten Transversale durch den Lukmanier noch immer präferieren täte; danach wollte ich von Herrn Bircher-Benner wissen – er liegt ebenfalls im Manegg –, ob man das Birchermüesli statt mit Haferflocken auch mit Chia-Samen anrichten könnte, da die glaub weniger Kalorien hätten.

So direkt Antworten gabs von keinem der grossen Männer, aber mein Gefühl sagte mir, dass es beide Male ein zögerliches «Äh, nein» gewesen wäre.

Der Beitrag Unsere Friedhöfe rocken! erschien zuerst auf Stadtblog.


Click: zum vollständigen Originaltext Unsere Friedhöfe rocken!

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/04/02/unsere-friedhoefe/Unsere Friedhöfe rocken!

Dem Verfasser des Artikels ist es gelungen das Thema kompetent zu behandeln.

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