Aus Zürich – aktuelle News: Putzen können andere

Ein lesenswerter Artikel zum Thema “Zürich”

gimes

Kürzlich sprachen wir über Putzfrauen, es sind immer gute Geschichten, weil verschiedene Klassen aufeinanderprallen, oben und unten, das gibt was her. Aber dann sagte jemand, er sei gegen Putzfrauen, «meinen Dreck putze ich schon selber weg». Das Argument gab mir zu denken, der republikanische Geist, dass niemand über einem anderen stehen soll, das liebe ich an den Schweizern, weil er so tief drin ist, in den Genen.

Vielleicht hat in mir ein feudalistischer Rest überlebt, dachte ich, weil ich in Sachen Putzfrau kein schlechtes Gewissen habe. Offenbar sehe ich mich im Geheimen als Patriarch, inmitten einer Schar von Bediensteten, am liebsten hätte ich auch eine Köchin und einen Gärtner.

Dann kamen die Besuchstage in den Schulen. Man sitzt unbequem auf kleinen Stühlen, aber es ist grossartig, den Zweitklässlern zuzuschauen. Wie sie sich bemühen, wie sie wetteifern, drangenommen zu werden, wie sie laut denken, wie ernst sie bei der Sache sind. Klar sieht man schon Unterschiede, aber bei den meisten ist noch alles da, die Begeisterung, die einen sind besser im Rechnen, die anderen können sich gut bewegen, wenn die Lehrerin ein Musikstück spielt; aus diesem Mädchen wird mal eine Informatikerin, dieser Junge gehört wohl eher in die Kunstgewerbeschule. Aber die Zukunft ist zu weit weg, um bedrohlich zu sein.

Später geht man in die Pause und hört den Eltern zu, wie sie von ihren älteren Kindern erzählen – ein Sohn weigert sich, in die Schule zu gehen, erfährt man und schaut betreten weg; wie soll er wieder Motivation finden, fragen sich die Eltern. Man ist froh, dass man die Probleme nicht hat. Eine Tochter hat eine Lehre in einem Pflegeberuf gefunden, «super», sagt man, und die Mutter berichtet, wie sie sich still gefragt habe, ob es dabei bleiben werde, eine strenge Arbeit für 5000 Franken im Monat. Dann sprachen wir über Chancengleichheit an den Schulen, das alte Thema, es gibt Leute, die behaupten, dass die Chancengleichheit kleiner wird.

Die Schule ist aus, und auf dem Heimweg begegnet man einem der Jungs aus der früheren Primarklasse der Ältesten. Das waren noch Zeiten! Er sei jetzt Gebäudereiniger, sagt er, und man schweigt und schluckt leer, weil man merkt, dass er ungern darüber redet, weil er sich etwas schämt. Dabei war er so begabt im Zeichnen. Was ist geschehen? Irgendetwas muss passiert sein in der Zeit, da die Weichen gestellt werden.

Dann kommt die Älteste nach Hause, sie sucht einen Ferienjob und war an einem Vorstellungsgespräch, es ging um eine Stelle im Service. Sie müsse immer bereit sein, habe man ihr gesagt. Jederzeit erreichbar. Flexibilität ist das Zauberwort, es ist ein junges Unternehmen, ein Start-up – wieder ein Zauberwort! –, Start-up, das heisst möglichst wenig Kosten, maximale Effizienz in der Personalführung, willkommen in der Arbeitswelt.

Vielleicht hat er recht, dachte ich am Abend, der Mann ohne Putzfrau. Vielleicht muss man die Chancengleichheit vorleben. Sonst ändert sich nie etwas. Seinen Dreck selber weg­putzen. Aber ich brings nicht über mich. Ich hasse das Putzen.

Der Beitrag Putzen können andere erschien zuerst auf Stadtblog.


Klick HIER: zum ganzen Text Putzen können andere

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/04/06/40445/Putzen können andere

Der Verfasser hat das Topic kurz und doch umfassend beschrieben.

Advertisements
Tagged with: , , , , ,
Posted in Zürich: Top aktuell

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: