Frische Zürcher- Neuigkeit: Ein Lob der Stadt

Ein aktueller Artikel zu diesem aktuellen Thema Zürichs.

gimes

Vor zwei Jahren ist das Kino ABC beim Bahnhof zuge­gangen. Nicht weil es in den roten Zahlen war, aber der Mietvertrag sei nicht verlängert worden, hiess es. Besitzer der Liegenschaft ist die PSP Swiss Property, ein Immobiliengigant, dem halb Zürich gehört. Das ABC war eines der ältesten Kinos der Stadt, früher hiess es Orient, seit 1913 waren dort Filme gezeigt worden.

Es gab wie immer enttäuschte Leserbriefe. Bitte kein Sushi statt des Kinos, mailte eine Frau, auch kein Starbucks und kein Kleiderladen. In den letzten paar Wochen wenigstens ist sie erhört worden, da konnte man im ausgehöhlten ABC zu Abend essen, als wäre man in Bethlehem, direkt an der Mauer, die Israel gebaut hat, um die Palästinenser draussen zu halten. So ein Kino ist im Grunde eine enorme Höhle aus rohem Beton, und die Be­treiber vom Palästina-Grill an der Langstrasse haben den riesigen Raum zu einer besetzten Zone umfunktioniert, mit Wachtturm und Checkpoint, das Personal war angezogen wie die Blauhelme der UNO.

In dieser hochpolitischen Kulisse gab es einen exquisiten Fünfgänger, ein Friedensmahl mit arabischen, jüdischen und christlichen Spezialitäten. Und wenn man sich umschaute – den Horizont versperrte der Betonriegel der israelischen Mauer, dahinter sah man die unerreichbaren Häuser und Felder und Gärten –, blieb einem der Bissen manchmal im Hals stecken. Man wusste nicht recht, was man von der ganzen Inszenierung halten sollte, die sich Sami vom Palästina-Grill ausgedacht hatte, dessen Verwandte in Bethlehem leben. Jetzt zieht sein Pop-up-Lokal weiter an die Art Basel, «und dann vielleicht nach Miami und Hongkong», sagte Sami, «wir möchten in die Welt hinaus».

Ich erzähle diese Geschichte, weil ich ein paar Tage später in der Bodega zu Gast war, wo ich schon lang nicht mehr gewesen bin, und ich staune jedes Mal, wie gut sich das Lokal im Niederdorf gehalten hat. Wie unverwüstlich der gute Wein auf den Tisch kommt, die Nüsse, die Blutwurst, der russische Salat. Wie dich die Kellner grüssen, als wüssten sie noch, wann du das letzte Mal da warst, wie angeregt die Leute sich unterhalten, alle Schichten, alle Generationen, und natürlich haben die Leute aus dem Niederdorf ihren speziellen Jargon, man kennt sich seit Jahrzehnten. Die Bodega ist eine der wenigen Institutionen, die Zürich besitzt, dafür muss man Eric Winistörfer, dem Wirt, dankbar sein. Man redet immer von der Kronenhalle und vergisst dabei die Bodega, die Kronenhalle der Boheme und des Proletariats.

Aber wie gesagt, ich erzähle die Geschichte nur, weil ich kürzlich in Dietlikon war, wo ich Bekannte besucht habe, in der Nähe des dortigen Bahnhofs, eine schöne Wohnung mit Blick ins Mittelland. Sie seien viel unterwegs, sagten sie, darum seien sie hierher­gezogen, in die Nähe des Flughafens, «in eine richtige Schlafstadt».

Da dachte ich, wie dankbar ich bin, dass ich nicht in einer Schlafstadt wohne. Sondern in Zürich, wo sich plötzlich aus dem Nichts ein Sesam-öffne-dich auftut nach Bethlehem und gleichzeitig ein paar Strassen weiter dieselben Tapas auf den Tisch kommen an denselben Holztischen und dieselben ­Sprüche gemacht werden – wie einst.

Der Beitrag Ein Lob der Stadt erschien zuerst auf Stadtblog.


Hier: zum umfassenden Eheringe Report Ein Lob der Stadt

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/05/25/ein-lob-der-stadt/Ein Lob der Stadt

Der Verfasser des Artikels hat geschafft uns zum nachdenken anzuregen. Danke!

Advertisements
Tagged with: , , ,
Posted in Zürich: Top aktuell

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: