Zürich-News: Die grüne Armee

Lesenswerter Text zu diesem spannendem Thema aus Zürich.

gimes

Zum Geburtstag kauften wir meinem Sohn einen der neuen iPods, die alles können. Er war wahnsinnig stolz, lud Songs herunter, spielte ein paar Games, aber vor allem schrieb er SMS: seiner Grossmutter, der grossen Schwester, den Tanten, Gotten, Kollegen. Er kommunizierte. Baute sein Netzwerk auf. Dann kam das Fussballlager, und der iPod blieb zu Hause; elektronische Geräte sind dort verboten. Als er zurückkam, wusste mein Sohn sein Passwort nicht mehr, er hatte es vergessen.

«Hast du es nicht aufgeschrieben?»

«Nein», jammert er verzweifelt.

Vielleicht machte er zum ersten Mal die Erfahrung, dass man im Leben immer auf der Hut sein muss. Sonst zahlt man bitter: Ohne Passwort war sein iPod nichts mehr wert.

Später fuhren wir zum Apple-Store an der Bahnhofstrasse. «Also», sagte der junge Berater im grünen T-Shirt. Er drückte ein paar Tasten, damit sein Laptop ihm sagte, was zu tun sei. Doch das Gerät stellte immer wieder dieselben Fragen. Wir waren in einer Endlosschlaufe. Es hatte etwas Demütigendes, den jungen Mann zu sehen, wie er sich abmühte mit dem anonymen Programm. Es war, als stünden wir am äussersten Rand der Chinesischen Mauer und versuchten mit dem Kaiser in der Zentrale zu reden – der vielleicht schon längst verstorben war.

«Sie müssen viel Geduld haben», sagte ich zum jungen Mann, «Zen».

«Ja», sagte er. Irgendwann hatte das Gerät begriffen, um was es ging und ­bestellte mich zu einem Termin mit einem Techniker, ich erhielt fünf Minuten an einem Dienstagmorgen.

Die Technikerin war eine junge Frau mit Tattoos an den Unterarmen, sie war so elegant in ihrem grünen T-Shirt, so souverän, zehn Minuten, sagte sie, dann ist ihr Gerät entsperrt. Zehn Minuten, ich setzte mich und beobachtete die Armee der Apple-Berater in ihren grünen T-Shirts, wie sie die Hilfesuchenden beruhigten. Die ganze Stadt kam, alte Frauen, Banker im Anzug, Kinder, Models, Vorstadtganoven, niemand wird vor Problemen mit der Technik verschont.

Ich fragte mich, was die jungen Apple-Berater am Abend machen, nachdem sie sich den ganzen Tag die Sorgen der Menschen angehört haben, ihre Verzweiflung gesehen haben, die Panik in den Augen, die Angst vor der Technik. Ich würde gerne zu ihnen gehören, dachte ich, zur grünen Truppe, die so vertraut ist mit diesem Ding, das uns beherrscht, das alles kann, alles macht mit unserer Zukunft, was haben sie wohl gestimmt beim Grundeinkommen?

Einmal war ich bei Google auf dem Hürlimann-Areal. Man kommt in eine andere Welt. Allein schon die Architektur, die Inneneinrichtung, die ganze Atmosphäre, die Lockerheit, Fantasie, Virtualität und unheimliche Effizienz – entweder ist man voll ein Googler oder man lässt es sein.

Vielleicht war es früher auch so, wenn man bei der Bahn arbeitete, die fesche Bähnleruniform trug, den Zug durchwinkte, die Tickets herausgab – dass man da auch dazugehören wollte. Und jetzt sieht man die müden Kontrolleure und denkt, bald werden sie durch Roboter ersetzt.

«Das wärs», sagte die junge ­Amazone im grünen T-Shirt, «hier ist ihr Gerät.» Sie gab mir die Hand, das gehört hier zum Ritual.

Der Beitrag Die grüne Armee erschien zuerst auf Stadtblog.


Hier: ORIGINALARTIKEL Die grüne Armee

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/06/08/die-gruene-armee/Die grüne Armee

Hoffentlich gibt es bald wieder einen Artikel zu diesem Topic.

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