Frisch aus Zürich – topaktuell: Verstecken vor der Vergangenheit

Sehr fundierter Artikel, die für das Lesen investierte Zeit lohnt sich für alle die sich für Zürich interessieren.

Verschliesst man die Augen vor der Vergangenheit, kann man sich selbst nicht erkennen.

Verschliesst man die Augen vor der Vergangenheit, kann man sich selbst nicht erkennen.

Ist Ihnen auch schon jemand in der Stadt absichtlich aus dem Weg gegangen? Hat die Strassenseite gewechselt, das Tram verlassen und ist an einer Party immer in die andere Ecke des Raumes geflohen? Oder hat Sie ums Verrecken nicht wiedererkennen wollen, obwohl man in der Beiz dreiviertel Stunde vis-a-vis sein Gipfeli verspeist und seinen Kaffee getrunken hat? Menschen, die Sie aus Ihrer Vergangenheit kennen, und denen Sie in Ihrer Erinnerung niemals etwas  Böses getan haben?

Mir passiert das immer mal wieder. Und dann wundere ich mich. Natürlich könnte man sagen, dass ich mit Drogen, Hausbesetzungen und Chaos eine Vergangenheit habe, die eher zu den schwierigen Art gehört. Aber ehrlich, wer in Zürich in den 90ern jung gewesen ist, hat meist selbst solche Erinnerungsstücke oder Lücken in seiner Biografie auszuweisen. Gerade die Leute, die ich damals kannte, und die mich heute nur noch dann kennen, wenn sie von meinen Verbindungen in die Medien profitieren wollen.

Ich nehm an, dass diese Leute keinen Frieden mit Ihrer eigenen Geschichte geschlossen haben. Entweder wollen sie nicht, dass ihr Umfeld von ihrer bewegten Vergangenheit erfährt (was in einer Stadt wie Zürich einen unheimlichen Kraftakt aus Lügen und Ausweichen bedeutet), oder aber, wahrscheinlicher, sie wollen sich nicht erinnern, wer sie mal waren. Und das, obwohl der Weg von der Person vor zwanzig Jahren direkt zu der Person von heute führt.

Es gibt drei verschiedene Arten, mit der Vergangenheit umzugehen.

Die meisten Leute wählen Variante 1: Die romantische Verklärung. Früher war alles besser. Die Sonne heller, der Wein intensiver, die Farben bunter, die Menschen besser. Damals war der Körper noch ein Lamborghini und nicht ein alter VW-Bus wie heute, die Augen scharf, die Haut glatt, die Gelenke gelenkig. Das Leben bestand aus Zuckerwatte, Ringelreihe-tanzenden, regenbogenfurzenden Einhörnern und die Liebe war gross. Diese Perspektive hat vielleicht damit zu tun, dass man früher nicht so ein desillusionierter, miesepetriger, alter Stinker war, oder dass man sich damals die Realität noch mit Naivität schönfärben konnte.

Ein grosser Teil wählt auch Variante 2 der Vergangenheitsbewältigung: Die Leugnung. Es sind meist die Menschen, die sich in den letzten zwanzig Jahren von ihren damaligen Idealen weg entwickelt haben. Idealisten, die jetzt stolz auf ihren pragmatischen, opportunistischen Zugang zur Realität sind. Da fällt es schwer, sich einzugestehen, dass man nicht immer so war. «Nein, ich war nie einer dieser arbeitsscheuen, verfilzten Hippies, die immer bis Mittags schliefen, schwachsinnige Kunst konsumierten und nur für Cannabis und Liebe leben wollten. Ich war schon immer der karriereorientierte Macher im Anzug. Und rauchen fand ich schon immer blöd. Ich hab damals nur einmal Gras geraucht. Und inhaliert hab ich nicht.”

Die Dritte ist meine Lieblingsvariante: Die kognitive Aufarbeitung. Natürlich denkt jeder, dass er sich ganz genau so an seine Vergangenheit erinnert, wie sie gewesen ist. Psychologen können einem aber das Gegenteil beweisen. Die Erinnerung ist immer selektiv. Das ist ein Problem. Denn wenn ich heute wissen will, wer ich bin, dann sollte ich vielleicht auch wissen, wer ich war und wie ich mich bis zum Heute entwickelte. Da kein Verlass auf  die eigene Erinnerung ist, sollte man sich vielleicht mal mit Menschen zusammensetzen, mit denen man damals Zeit verbrachte. Nicht unbedingt mit den engsten Freunden, weil die sowieso die eigene Sichtweise teilen. Nein, einfach mal ein Feedback holen, wie Bekannte die eigene Vergangenheit erlebten. Das Gemisch aus der eigenen und der fremden Wahrnehmung könnte dann eine Bild geben, das sich der Wahrheit annähert.

Also, liebe Freunde aus der Vergangenheit, wenn Ihr die Strassenseite wechselt, weil Ihr mich für einen Idioten haltet, fair enough. Wenn Ihr mir aber aus dem Weg geht, weil Ihr eurer eigenen Vergangenheit nicht begegnen wollt, dann macht Ihr einen Fehler. Ich fand nämlich die meisten von euch damals, auch in den schwierigen Zeiten, ganz in Ordnung.

Der Beitrag Verstecken vor der Vergangenheit erschien zuerst auf Stadtblog.


Click: zur interessanten Eheringe-News Verstecken vor der Vergangenheit

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/06/21/flucht-vor-der-vergangenheit/Verstecken vor der Vergangenheit

Der Autor hat mit diesem Artikel gute Arbeit geleistet!

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