Frische Zürcher- Neuigkeit: Niemand sitzt mehr richtig

Ein topaktuller Bericht zu diesem spannenden Topic!

gimes

Das Gute am Brexit ist, dass wir nicht mehr allein sind. Man liest jeden Tag Interviews mit berühmten englischen Architekten und Schriftstellerinnen, die ihr Land nicht mehr verstehen. Die sich entsetzt fragen: Wo leben wir eigentlich? Es ist, als hätten wir grosse Brüder und grosse Schwestern erhalten, denen es auf einmal auch so geht wie uns.

Für uns ist das ja alles nicht neu, damit schlagen wir uns seit 1992 herum, seit der verlorenen Abstimmung über den EWR, 50,3 Prozent Nein.

Das kennen wir, erst das Staunen, das Nichtwahrhabenwollen, dann die Wut, die kämpferischen Töne – haben wir alles durchgemacht. Dann das Auf­wachen und die Erkenntnis, dass es offenbar Menschen gibt – leider die Mehrheit im Land –, die ein anderes Weltbild haben als die 49,7 Prozent der Proeuropäer. Nichts zu machen.

Ihr Engländer werdet noch sehen, denkt man etwas resigniert, wie die Europafrage eure Medien verstopfen wird, ihr werdet von nichts anderem reden, endlos verhandeln, der Schriftsteller William Boyd sieht es richtig voraus: «Man wird eine Menge Zeit, Kosten und Mühen in ein Vertragswerk stecken, dessen Vorteile man als EU-Mitglied selbstverständlich geniesst. Und am EU-Tisch mitreden kann man dann auch nicht.»

Und doch haben sie etwas Erfrischendes, die ersten Äusserungen von der Insel, es kommen neue Argumente, undogmatisch, hoffnungsvoll. «Generell halte ich Volksentscheide für ein schwieriges Instrument», sagt William Boyd im TA, «die meisten entscheiden aus dem Bauch heraus; kaum einer ist in der Lage, die Tragweite solcher Entscheidungen zu durchschauen. Der Mensch ist ein kurzsichtiges Tier, volatil, subjektiv, stimmungsabhängig. Es bräuchte eine 60-Prozent-Hürde. Solche Abstimmungen spalten die Gesellschaft, sind nicht eindeutig – und führen zu einem schmutzigen Wahlkampf voller Vereinfachungen.»

Wer bei uns so etwas sagte, der würde gelyncht. Man würde ihm Arroganz vorwerfen, niemand darf sich bei uns zum Richter über das Volk aufschwingen, die Engländer haben keine Ahnung von direkter Demokratie. Aber wir werden ihre nächsten Schritte beobachten.

So wie wir die Österreicher beobachten werden, die haben auch Probleme, es zeichnet sich eine Front ab, die quer durch Europa geht, es kocht, es brodelt. «Niemand sitzt mehr richtig», schreibt der österreichische Filmregisseur David Schalko in der FAZ, «man hat das Gefühl, in einer Gesellschaft der Überforderten und Unterforderten zu leben. Eine aufgeriebene Zeit, in der sich niemand mehr auf irgendjemanden verlassen kann.» Schalko beschreibt eine Endzeitstimmung, er hofft auf Anregungen aus der digitalen Welt: «Es geht um die aktive Gestaltung von Lebenswelten, eines offenbart die Wut der Rechten: die Sehnsucht nach etwas Gemeinsamem.»

Wir leben in aufregenden Zeiten, und das Paradoxe dabei: Unser einsames Leiden am Populismus ist zu einer europäischen Krankheit geworden, wir sind nicht mehr allein, aber wir haben viel Erfahrung. Vielleicht könnte Zürich zu einer Drehscheibe der Antipopulisten werden, wo Ideen ausgetauscht werden; wäre eine Abwechslung, zwischen zwei Fifa-Kongressen.

Der Beitrag Niemand sitzt mehr richtig erschien zuerst auf Stadtblog.


Klick HIER: zum ausserordentlich tollen Originalartikel Niemand sitzt mehr richtig

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/07/06/niemand-sitzt-mehr-richtig/Niemand sitzt mehr richtig

Dem Autor ist die Kunst gelungen ein komplexes Thema interessant und lehrreich nahe zu bringen.

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