Topaktuelle Zürich – Nachricht: Das Ende des Glaubens?

Der Text trifft den Nagel auf den Kopf

Er hätte einen Weg gefunden, die Kirche zu reformieren, ohne gleich den Sonntag abzuschaffen.

Er hätte einen Weg gefunden, die Kirche zu reformieren, ohne gleich den Sonntag abzuschaffen.

Letzte Woche musste ich lesen, dass eine reformierte Kirche in Zürich den Sonntagsgottesdienst abschafft und stattdessen am Freitag eine Gottesdienst feiern will. Quasi vom Halleluja zum  «TGiF – Thank God its Friday».  In der Meldung war sehr viel tapfere Zuversicht der zuständigen Kirchenstellen herauszulesen. Sie hätten «den Gottesdienst weiterentwickelt».

Aber im Ernst? Wenn die Kirche den Gottesdienst am Sonntag abschafft, schafft sie sich doch selbst ab.  Es ist das Eingeständnis der Niederlage, das öffentliche Bekenntnis, dass man nicht mehr ans Charisma der eigenen Botschaft glaubt.

Ich bin Atheist, mich dürfte es eigentlich gar nicht kümmern. Aber entgegen vieler meiner atheistischen Nicht-Glaubensbrüder halte ich die Kirche nicht für durchwegs schlecht und habe keinen Grund, mich über ihren Niedergang zu freuen.

Im Gegenteil, da ich aus eigener Erfahrung weiss, wie schwierig es ist, eine ethische oder moralische Orientierung nur aus den eigenen Überzeugungen heraus zu leben, beklage ich den schleichenden Untergang des Glaubens. Da er vielen Menschen eine Orientierung gibt und Trost spendet, halte ich ihn noch immer (leider) für eine wichtige Stütze unserer Gesellschaft. Solange wir nichts Besseres für Leute mit Bedürfnis nach Führung haben, um in einfachen Bildern die grossen Fragen des Lebens zu erklären, sind wir auf aufgeklärte Pfarrerinnen und Pfarrer angewiesen.

Diejenigen, die es nach Glauben dürstet, verschwinden nämlich nicht. Sie wandern zu den fundamentalistischen Freikirchen oder zu den hirnwaschenden, charismatischen Bewegungen wie dem ICF ab. DAS ist etwas, was mir als Mitglied einer säkularen Demokratie Sorgen macht. Wer nach nicht-rationalen Wundern sucht, findet sich in schamanischen Überzeugungen wieder, deren tieferen Sinn er im Internet entdeckt hat. Die Impfgegner und Verschwörungstheoretiker sind eine Folge des spirituellen Mankos unserer Gesellschaft. Überhöhter Ernährungskult, politische Ideologien, Hass und Angst, das alles entspringt aus der Orientierungslosigkeit, aus dem Verlust der ethischen Grundwerte. Und wenn ich die Wahl zwischen einem verblendeten Idealisten und einem gemässigten Gläubigen habe, wähle ich den Gläubigen.

Mir geht es nicht um den Glauben an irgendeinen Gott, sondern um das Kerngeschäft der Kirche: um die Seelsorge. Spiritualität hat nichts mit Übersinnlichem zu tun, sondern mit der Orientierung für die Seele. Seit den 50ern haben die PfarrerInnen durch das Verwechseln von Psyche und Seele die persönlichen Probleme ihrer Schäfchen immer mehr den Psychologen und den Psychiatern überlassen. Aber deren Job ist es, die pathologischen Auswüchse der menschlichen Psyche zu behandeln. Die helfen den Menschen nicht, durch die seelischen Nöte des modernen Alltags zu schiffen.

Ja, die reformierte Kirche muss sich erneuern, wieder den Weg zu den Menschen finden. Einige Kirchgemeinden  schaffen das. Sie öffnen sich den Menschen als Platz der Begegnung, sind wieder als moderne Gemeinschaft erkennbar. Aber der ganzen Welt zu zeigen, dass man nicht mehr ans eigene Team glaubt und das Hauptspiel im Stadion abzusagen, ist nicht der Weg.

Wenn eure Botschaft nicht mehr gehört wird, müsst ihr nicht eure Sendefrequenz ändern, sondern die Tonalität. Ihr habt einige universelle Wahrheiten in eurem Buch. Dieselben Wahrheiten, hinter denen atheistische Humanisten, Lifestyle-Buddhisten und eigentlich alle Menschen mit einem sozialen und ethischen Verantwortungsgefühl stehen können. Benutzt sie.

Der Beitrag Das Ende des Glaubens? erschien zuerst auf Stadtblog.


Klick HIER: zu der gesamten Reportage Das Ende des Glaubens?

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/07/12/das-ende-des-glaubens/Das Ende des Glaubens?

Gut geschriebener Artikel! Wir wünschen uns mehr Artikel zu diesem Topic!

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