News aus Zürich: Unter dem Radar

Topaktueller Text zu einer Zürcher Frage der heutigen Zeit.

gimes

Wollishofen war mal das hässliche Entlein der Stadt. Traumhafte Lage über dem See, aber grau und bieder, irgendwie vergessen gegangen. Doch jetzt, hört man, ist das Quartier so begehrt, dass die Mieten unbezahlbar geworden sind, es sieht aus, als würde aus dem Entlein doch ein Schwan. «Wollishofen ist das neue Seefeld, wissen Sie das nicht?», verkünden die Vermieter.

Wobei, im «Baublatt», dem Fach­magazin der Branche, stand schon vor sechs Jahren, wie in Wollishofen alteingesessene Mieter durch teure Neubauprojekte vertrieben werden: «Im Zürcher Seefeldquartier spielt sich Ähnliches schon seit langem ab. Wohnungen für den Mittelstand werden immer rarer. Und wo einst kleine Läden für den täglichen Bedarf waren, finden sich trendige Bars und teure Boutiquen. Nun spricht man in Wollishofen von einer Seefeldisierung.»

Sechs Jahre später sind die teuren Wohnungen in Wollishofen Alltag, Phase eins der Seefeldisierung sozusagen ist abgeschlossen, einzig die trendigen Bars hab ich noch nicht entdeckt. Es gibt ein paar gute Beizen, das Bürgli, die Seerose, die gab es schon, bevor ich hierherzog, wie auch die Rote Fabrik, eine Institution, die Gott lange erhalten möge. Beim Zeltplatz hat Fischer’s Fritz aufgemacht, eine Filiale des Péclard-Imperiums, und wohlwollend verfolgt wird der Anlauf einer trendigen Truppe aus Zug in der Wöschi am See, wo schon einige gescheitert sind. Aber dann wirds bald vorstädtisch, gesichtslos, Kebab, Irish Pub, Pizzeria.

Anders das Seefeld drüben am rechten Ufer. Es hat eine Geschichte, ist seit über 40 Jahren ein Anziehungspunkt für junge Singles und Familien aus dem Mittelstand, der See ist nahe, es hat gute Schulen und Zusammenhalt im Quartier. Erst kamen die Alternativen, die Künstler, dann die Werber, die freien Berufe, sie trugen alle zur Gentrifizierung des alten Handwerkerviertels bei. Aber mit einem Anspruch an Lebensqualität, einem unkomplizierten Lebensstil, auch einem Community­spirit, der heute noch in der städtischen Backsteinsiedlung beim ehema­ligen Tramdepot weiterlebt.

In Wollishofen dagegen gibt es kein Kaffeehaus, keinen Treffpunkt mit einem Hauch von Brooklyn oder Berlin, keinen Ort für Szenis, junge Mütter oder Bohemiens. Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber Wollishofen erweist sich als Hipster-resistent, nicht einmal der klassische Secondo mit höheren Ansprüchen hat einen Neo-Italiener aufgemacht, bloss der türkische Metzger bei der Tramendstation macht den besten Döner der Stadt, aber nur an gewissen Tagen, ein Geheimtipp. Dabei hätte Wollishofen einen naturgegebenen Treffpunkt, die Badi, und selbst dort ist das Beizli – ­sagen wir mal – umstritten.

So ist Wollishofen eine Art Seefeld ohne trendigen Schub geblieben, unter dem Radar durchgerutscht; ehrlich gesagt, vielleicht ist das gar nicht schlecht. Denn das Trendige – wer kann bei so hohen Mieten noch cool sein? Wer kann sich unter diesen Bedingungen halten? So redet die Stimme der Vernunft. Doch ganz heimlich träumen wir weiter von einem liebenswürdigen Lokal: feines Angebot, Charme, Anmut, immer geöffnet, mitten im Quartier. Ein Stück Heimat. In Wollishofen.

Der Beitrag Unter dem Radar erschien zuerst auf Stadtblog.


Klick HIER: zum lesenswerten Eheringe-Artikel Unter dem Radar

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/07/20/unter-dem-radar/Unter dem Radar

Der Autor hat mit diesem Artikel gute Arbeit geleistet!

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