Frisch aus Zürich – topaktuell: Ade Franz-Carl-Weber

Sehr fundierter Artikel, die für das Lesen investierte Zeit lohnt sich für alle die sich für Zürich interessieren.

FCW

Die Franz-Carl-Weber-Filiale an der Bahnhofstrasse. (Bild: Thomas Egli)

 

Manchmal gehe ich mit den Kindern in den Franz-Carl-Weber an der Bahnhofstrasse. Jedes Kind darf sich dann für 20 Franken ein Spielzeug aussuchen. So viel Geld auszugeben, reut mich nicht. Ich bin ein recht grosszügiger Mensch, der viel Herz für Kinder hat. Klar, manchmal überlege ich mir schon, ob meine Kinder wirklich sooo dringend neue Schuhe oder Lebensmittel benötigen. Aber dann überwinde ich mich doch. Das Leuchten der Kinderaugen ist wertvoller als alle Edelsteine der Welt!

Diesmal war der Besuch etwas besonderes. Ende Jahr schliesst der Laden seine Pforten und verabschiedet sich von der Bahnhofstrasse. Das ist schon bedauernswert. Ich bin ehemaliger Aargauer. Dort, wo ich aufwuchs, gab es keine Spielzeugläden. Wer eine Pistole wollte, musste in die EPA gehen oder zur Migros. Überhaupt gab es im Aargau wenig zum Spielen. Die Jugendlichen meiner Generation landeten entweder auf der Strasse oder wurden DJ Bobo. Ein Franz-Carl-Weber in Zürcher Dimensionen hätte bei uns nur schon von der Grösse her keinen Platz gehabt. Woran ich mich ebenfalls erinnere, sind die grossen Weihnachtskataloge von Franz-Carl-Weber.

Doch jetzt genug der Nostalgie. Im zweiten Stock gibt’s nämlich einen Roboter mit Fernbedienung! Ein Demofilm zeigt, wie das funktioniert. Ein kleiner japanischer Junge läuft lachend zum Spielplatz. Hinter ihm rollt langsam der ein Meter hohe Roboter. Die nächste Filmsequenz zeigt ein Rudel nervöser Kinder, die staunend den Roboter umringt. Der japanische Junge lacht immer noch und zeigt stolz, was der Roboter so alles kann: Im Kreis fahren, mit den Augen leuchten, eine Fernbedienung tragen. Dann stoppt der Film.

Mein Junge hüpft unsympathisch vor meinen Füssen: «Kauf mir den Roboter, kauf mir den Roboter!». Ich versuche ihm zu erklären, dass Papi nur unterer Mittelstand ist. Aber sogar wenn ich reich wäre, würde ich keinen Roboter kaufen, erkläre ich ihm schonend. Kinder verstehen das natürlich nicht. Im Gegenteil, wenn Kinder an der Macht wären, müssten wir ihnen den halben Franz-Carl-Weber kaufen. Und nachher noch ein Glacé.

Die Tochter zerrt mich zum Erdgeschoss. Da steht ein riesengrosser Steiff-Teddybär. Grösser als ich. Er kostet 2000 Franken. Dann zupft wieder der Junge. Nochmals hoch in den zweiten Stock. Zu den Drohnen. «Hier, hier, hier», schreit er. In der Vitrine liegt eine sprachgesteuerte Drohne mit Kamera, die auch im Dunkeln filmen kann. Die Nachbarin von oben kommt mir in den Sinn. Gegen Abend empfängt sie häufig männliche Besucher.

Krisenrat. Alle Kinder zu mir. Jeder von euch bekommt nur 20 Franken. In 10 Minuten habt ihr etwas gefunden oder wir gehen leer nach Hause. Ich setze mich auf ein Sofa. Neben mir sitzt schon ein Araber. Seine Kinder dürfen mehr auswählen als meine. Drohne, Carrera-Bahn, Wasser-Pistolen. Zwei verschleierte Frauen schreien gutturale Laute in ihre Smartphones. Müde blickt mein Sitznachbar zu mir herüber. Dann lächelt er leise.

Der Beitrag Ade Franz-Carl-Weber erschien zuerst auf Stadtblog.


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http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/09/01/ade-franz-carl-weber/Ade Franz-Carl-Weber

Dem Verfasser des Artikels ist es gelungen das Thema kompetent zu behandeln.

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