Betrifft Zürich: Badekappe im Ozean

Lesenswerter Text zu diesem spannendem Thema aus Zürich.

gimes

Ich muss aufpassen. Kaum ist die Patina der Ferien abgebröckelt, bin ich das alte A*** von früher. Ein hässiger, ungeduldiger Socken. Drei Wochen waren wir weg gewesen, und als wir zurückkamen, fühlte ich mich so etwas von Zen wie ein tibetischer Mönch. Ausgeglichen, sanft und gleichmütig. Ich fuhr durch die Stadt und staunte, wie schnell sich die Leute aufregen. Wegen nichts. Wie sie dich belehren. Wie geladen sie sind. Warum eigentlich?, dachte ich. Es geht uns doch gut. Irgendetwas scheint sie zu plagen, die Zürcher.

Jetzt bin ich wieder genau gleich wie sie. Heute traf ich einen alten Kollegen, wir wollten etwas besprechen wegen einer Arbeit. Ich war einigermassen pünktlich, mein Kollege war noch nicht da, er sei unterwegs, hiess es, und ich spürte, wie ein unbändiger Groll in mir hochstieg. «Willst du im Sitzungszimmer warten?», wurde ich gefragt, aber ich wollte überhaupt nicht warten. Ich war nicht bereit, das Programm zu wechseln. «Wir hatten abgemacht», wiederholte ich scharf.

Zehn Minuten später tauchte mein Kollege auf, und es war, als würde ich aus eine Art Wachkoma erwachen, wie ein Boxer, der nach einem Schlag weggedriftet ist. Ich war wieder auf Sendung, die Zahnrädchen griffen wieder ineinander, das Programm lief. Aber vorher hatte ich es nicht geschafft, mich auf die neue Lage ein­zustellen. Vielleicht machen wir zu viel, dachte ich, vielleicht sind wir mit so vielen Sachen gleichzeitig beschäftigt, dass uns kein Raum bleibt für die kleinen, unvorhergesehenen Kapriolen des Alltags, für die Löcher im Fahrplan, für Improvisation, Freundlichkeit, nette Gesten. Für alles, was wir bewundern an den anderen, den Mediterranen, sogar den Deutschen und Engländern.

Vor zwei Wochen, an der Seeüberquerung, hatte ich mir geschworen, mich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Wir waren in einem Pulk von ein paar Hundert Schwimmern gestartet, in einem Knäuel von Armen und Beinen, ein Sinnbild für das Gestrampel des Lebens, jeder für sich, irgendwie vorwärts. Ich blieb ruhig, machte mich schmal, wich aus, den Schlägen und Stössen der anderen, schwamm und schwamm, unter mir die grüne Tiefe.

Irgendwann vergass ich, wo ich war, es gab nur das Wasser, ich erschrak richtig, wenn der Wind die Stimmen aus den Rettungsbooten an mein Ohr trug. Ich hätte stundenlang weiterschwimmen können, ein Leben lang, ein Wasserwesen. Manchmal zog eine rote Badekappe vorbei, Nummer 5671 oder ähnlich, einmal hatte ich einen Krampf. Am Ziel war ich ziemlich geschafft und trank wortlos meine Bouillon, immer noch im Knäuel aus Armen und Beinen, rund 8600 Menschen hatten den See überquert, und alle schienen sich im Bad Tiefenbrunnen zu drängen. Doch dann im Tram hatte ich das schöne Gefühl, von irgendwo weit weg zurückgekommen zu sein, einem unbekannten Ort.

Das scheint alles wie ein ferner Traum. Jetzt bringt mich eine kleine Verspätung aus der Fassung oder ein begriffsstutziges Kind oder eine Dis­kussion zu viel bei der Arbeit. Gott­ sei Dank sind bald Ferien. Bis es so weit ist, schwimme ich zurück, vom Tiefenbrunnen zum Mythenquai, eine rote Badekappe im Ozean.

Der Beitrag Badekappe im Ozean erschien zuerst auf Stadtblog.


Click: ZUM LESENSWERTEN EHERINGEBERICHT Badekappe im Ozean

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/09/07/badekappe-im-ozean/Badekappe im Ozean

Klar und deutlich. Guter Artikel welcher der anspruchsvollen Thematik absolut gerecht wird.

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