Frisch aus Zürich – topaktuell: Was ist los?

Ein aktueller Artikel zu diesem aktuellen Thema Zürichs.

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Ich schaute den Kindern lange nach, als sie schlaftrunken aus dem Haus gingen. Ein schwarzer Nissan steuerte auf den Zebrastreifen zu, neben ihm pedalte ein Elektrobiker, ich staunte, wie mühelos der Radfahrer das Tempo mithielt. Von weitem sah ich, wie der Nissan anhielt, um die Kinder über die Strasse zu lassen. Das Elektrovelo fuhr weiter, als ob es keinen Fussgängerstreifen gäbe. Unbeirrt. Mir stockte der Atem.

Die Kinder reagierten cool. Sie liessen den Velofahrer durch, bevor sie die Strasse querten. Ich weiss nicht, was ich getan hätte an ihrer Stelle. Vielleicht wäre ich gedankenlos losmarschiert. «Elektrovelos gehören verboten», sagte ich meiner Frau.

«Du siehst alles zu negativ», antwortete sie. «Gut», sagte ich, «verbieten ist ein starkes Wort. Aber es regt mich auf, dass sie sich als Fahrräder ausgeben. Elektrovelos sind eine Art Moped.» «Vielleicht können sie einfach nicht bremsen», sagte sie, «wenn sie mit Vollgas auf eine Kreuzung zufahren. Vielleicht geraten sie ins Schleudern.»

«Elektrovelos denken nicht ans Bremsen», sagte ich. «Elektrovelos haben das Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein. Weltgeschichtlich gesehen. Schaut her, wir tun etwas für die Umwelt. Deshalb stehen wir über den Regeln des Strassenverkehrs.»

«Du bist sarkastisch», sagte meine Frau, «ich mag das nicht.»

«Das ist gefährlich, was die machen», sagte ich. «Du hörst sie nicht, und sie sind schnell. Ausgerechnet in der Schweiz, wo alles reguliert wird. Vermutlich ist die Lobby der Velofabrikanten dahinter. Mit den Grünen.»

«Warum siehst du alles immer schwarzweiss?», fragte meine Frau. «Die Welt funktioniert nicht so.»

«Was du schwarzweiss nennst», sagte ich, «das nenne ich politischen Instinkt. Manchmal ist es gut zu wissen, wo man hingehört. Auf welcher Seite man steht. Links oder rechts. Arbeiter oder Unternehmer. Grenzen dicht oder Grenzen auf. Stadt Zürich oder Kanton Aargau.»

Ich war in Fahrt gekommen. «Jetzt wollen die Kantone draussen in der Agglomeration die Stadt aushungern», sagte ich. «Sie wollen nichts mehr an die Oper zahlen, ans Theater, an die Tonhalle. Sie wollen uns erwürgen. Kulturell die Luft abschneiden. Gut», sagte ich, «dann sollen sie erst mal was zahlen, wenn sie in die Stadt fahren. Dann gibts Roadpricing. Dann gibts eine Maut.» Das Wort gefällt mir. Maut.

«Bist du schon mal mit einem Elektrobike gefahren?», fragte meine Frau.

«Nein», sagte ich. «Was hat die Frage damit zu tun?» Ich dachte zurück an die letzten Jahrzehnte, wie sich die Stadt verändert hat, auf Druck von unten, von den Wilden, von der Strasse, und wie sich jetzt Verunsicherung breitmacht, wie es weitergehen soll, wenn der Druck von der anderen Seite her kommt. «Ohne ein bisschen Radikalität geschieht nichts», sagte ich.

«Versuchs doch mal», sagte meine Frau. Ich schaute sie an. Vor etwa zehn Jahren hatte ich die ersten Elektrobikes auf der Strasse entdeckt: Alte Leute, die wieder Velo fuhren, Mütter mit kleinen Kindern im Anhänger, es gab Familien, die ohne das Gefährt nicht mehr existieren konnten. Und jetzt will ich sie verbieten. Bin ich ein Wutbürger geworden? Was ist los?

Der Beitrag Was ist los? erschien zuerst auf Stadtblog.


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Dem Autor ist die Kunst gelungen ein komplexes Thema interessant und lehrreich nahe zu bringen.

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