Aus Zürich – aktuelle News: Arbeit, reine Arbeit

Ein lesenswerter Bericht für alle Zürich-Interessierten.

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Letzten Samstag ging ich ins Kino, um die Mittagszeit, als die Nebel aufgestiegen waren und ein lichtes Blau sich über die Stadt wölbte. Ich stand vor dem Filmpodium und verfluchte das schöne Wetter. Das Zurich Film Festival zeigte einen alten Film von mir und, ehrlich gesagt, es hätte mich fertig gemacht, wenn keine Leute gekommen wären.

Zwölf Uhr, das Kino ist zu einem guten Drittel besetzt, ein letzter warmer Badetag kündigt sich an, die Konkurrenz der Veranstaltungen in der Stadt ist erdrückend, die Hochschule der Künste hat zum Tag der offenen Tür geladen, es ist Fest im Schiffbau, Tanzfestival in der Roten Fabrik, «Filme für die Erde» im Seefeld, neben dem üblichen Kulturprogramm, ein ganz normales Wochenende.

Wir leben in einer Freizeitgesellschaft, man muss kein Philosoph sein, um sich zu fragen, was los ist, wie grau muss unser Alltag sein, dass wir überhäuft werden mit Angeboten und Events. Es beginnt schon mit den Kindern – Fussballclub, Kindergeburtstage. Einer der Buben, der sonst jede Minute vor dem Fernseher klebt und sich an Filmen nicht sattsehen kann, verbrachte das Wochenende in der Kinderjury des Zurich Film Festival; sie schauten jeden Tag drei Filme, dazwischen berieten sie sich und assen Sandwiches, wie eine richtige Filmjury.

Erst am Sonntagnachmittag, im Zug nach Aarau, kam mir in den Sinn, dass wir vergessen hatten, abzustimmen, bei all dem Freizeitrummel. Ich hatte mich durchgerungen, ein Ja zur ZSC-Eishockeyhalle einzuwerfen, obwohl, so eine Arena stelle ich mir als Zentraltempel der Freizeitgesellschaft vor. Ich habe einmal in Los Angeles in der Arena der Kings ein Spiel gesehen, mit Lightshow, Musik, dem ganzen Kommerz. Ich mag das nicht, alles sträubt sich in mir, wie an einer Galapremiere am Zurich Film Festival, wo zuerst der Name des Sponsors genannt wird, bevor der Film losgeht.

Gut, im Fussball ist es nicht anders, selbst in der B-Liga wird jede Ansage gesponsert von einem mittleren KMU, aber es wirkt hemdsärmeliger und weniger aufdringlich als im Corso 1, wo Filmkunst zelebriert werden soll. Und ohne die mittleren KMU könnte der Fussball gar nicht existieren. Ich war mit meinem Sohn unterwegs zu einem Auswärtsspiel des FC Zürich in Aarau, und es gibt wohl keinen grossartigeren Ort, um die Hemdsärmeligkeit des Fussballs zu erleben, als das Stadion Brügglifeld. Es liegt in einem Einfamilienhüsliquartier mit engen Strässchen, man spürt die Aufregung schon vor dem Spiel, wenn die Menschen unter den Bäumen herumstehen und Bier trinken, die Kasse ist ein Holzbudeli, und die Aargauer Prominenz sitzt in einem Zelt direkt neben dem Rasen oder im Bauch der Tribüne, einen Stock über den Garderoben. Ausverkauftes Stadion, «Highway to Hell» schallt in die Menge, die Hymne des Kantons, 8000 Zuschauer, die mehr Stimmung machen als doppelt so viele Menschen im Letzigrund, das Brügglifeld ist eine Zeitreise in die Anfänge der Freizeitgesellschaft.

Zu Hause wartet der andere Sohn, zurück von der Kinderjury. «Anstrengendes Wochenende», sagte er, «du weisst gar nicht, wie das ist, Papa, Filme schauen, einen nach dem anderen, das war Arbeit. Reine Arbeit.»

Der Beitrag Arbeit, reine Arbeit erschien zuerst auf Stadtblog.


Hier: ZUM INTERESSANTEN BERICHT Arbeit, reine Arbeit

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/09/28/arbeit-reine-arbeit/Arbeit, reine Arbeit

Sehr gut und kompakt geschriebener Text. Ein spannendes Thema gebührend beschrieben.

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