Betrifft Zürich: Der tote Igel

Ein lesenswerter Bericht zu Zürich.

gimes-neu

Der Igel tauchte vor ein paar Wochen in unserem Garten auf, tagsüber schlief er in seiner Höhle, in der Nacht trappelte er seinen unergründlichen Geschäften nach, den Kopf vorgebeugt, als hätte er keine Zeit zu verlieren. Es schien ihn nicht gross zu beschäftigen, wohin es ihn verschlagen hatte, mit der Zeit schenkten auch wir ihm keine Beobachtung mehr. Bis er eines Morgens reglos im Gras lag. Ich berührte ihn vorsichtig mit der Schuhspitze. Der Igel war tot.

Niemand hatte Zeit, sich um ihn zu kümmern, so blieb der Igel einen Tag lang liegen, bis ihn die Kinder entdeckten, als sie von der Schule nach Hause kamen. Sie machten keine grosse Sache daraus, obwohl er dalag wie ein kleines Kind, das Köpfchen leicht ein­gerollt, als würde er tief schlafen.

Ich schaufelte das Tier in einen Migros-Sack und deponierte es in einem Grüncontainer. Dann kontaktierte ich das Igelzentrum in Oerlikon. «Er wirkt nicht, wie wenn er angegriffen worden wäre», schrieb ich, «eher wie im Tiefschlaf.» Spät am Abend kam die Mail des Igelzentrums: «Igel sterben aus verschiedenen Gründen: innere Verletzungen, Alter, Parasiten

Irgendwann begann es aus dem Container übel zu riechen. «Was hast du mit dem Tier vor?», fragte meine Frau. Ich versprach, den Igel wegzubringen, doch dann hatte ich viel zu tun, der Geruch wurde immer stärker. «So hat jeder seine Prioritäten», sagte meine Frau bitter. «Du hast wahrscheinlich höhere Ziele, als dich um einen Igel zu kümmern, der im Garten verwest.»

Tierkadaver bringt man in Zürich in die Kehrichtverbrennung Hagenholz. Weil es ein schöner Tag war, wollte ich mit der Vespa hinausfahren, so war der Geruch auszuhalten. Die Migros-Tüte lag immer noch auf dem Boden des Grüncontainers. Als ich sie hochhob, spürte ich, dass sie um einiges leichter geworden war. Maden hatten den Unterleib des Tiers zerfressen, der Igel bestand nur noch aus Klauen und dem stachligen Fell, die Natur war im Begriff, das Tier zurückzuholen.

Mir wurde bewusst, dass sie immer da war, die Natur, parallel neben der Zivilisation. Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die mir ein Freund erzählt hatte, der als Kameramann in der kanadischen Wildnis unterwegs gewesen war. Sie waren weit in die Einsamkeit hinausgefahren, kein Mensch, keine Behausung, nur ab und zu eine verlassene Minenstadt, die der Wald überwuchert hatte, wenige Jahre nachdem die Minenarbeiter weitergezogen waren. «Die Natur hat alles verschlungen», sagte er und machte eine ausholende Geste mit den Armen, «da kommst du dir plötzlich ganz klein vor.»

Ich wickelte die Überreste des Igels in einen Plastiksack und fuhr hinauf an den Waldrand. Das Tier war vom Wald her gekommen, dorthin gehörte es zurück, das war mir klar, es gab keinen anderen Weg. Ich stellte die Vespa ab und verschwand im Unterholz. Den toten Igel legte ich unter unwegsames Dickicht, dann kehrte ich zurück in die Zivilisation. Beim Anfahren fragte ich mich, ob man tote Tiere im Wald entsorgen darf. Vielleicht wird man sogar hier von Kameras beobachtet.

Ein paar Tage später wollte ich wissen, was aus dem Igel geworden war. Aber er war nicht mehr da. Vielleicht hatte ich die Stelle nicht mehr gefunden. Sieht alles etwa gleich aus im Wald.

Der Beitrag Der tote Igel erschien zuerst auf Stadtblog.


Click: ZUM GUT GELUNGENEN EHERINGEREPORT Der tote Igel

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/10/05/der-tote-igel/Der tote Igel

Dem Autor ist die Kunst gelungen ein komplexes Thema interessant und lehrreich nahe zu bringen.

Advertisements
Tagged with: , , ,
Posted in Zürich: Top aktuell

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: