Aus Zürich – aktuelle Neuigkeit: «Gutzi, töten sie die Fliege»

Lesenswerter Artikel über ein interessantes Zürcher Thema.

Abendessen in einem Alterszentrum. (Foto: Thomas Egli)

Als ich jung war, fand ich Altersheime überhaupt nicht «cool». Ich war damals mehr mit Pickeln (Eiterbläschen) beschäftigt und hatte wenig «fun» an Themen wie Altersvorsorge oder Prostata. Heute stehe ich im 40. Lebensjahr. Die Blätter fallen von den Bäumen und ich weiss: Irgendwann werde auch ich einmal sterben. Warum nicht in einem Altersheim?

Der Übergang in ein Altersheim ist für viele Menschen ein schwieriger. Vor allem das Aufgeben der Selbstständigkeit wollen wir verzögern. Für die einen bedeutet die Arbeit im Garten deswegen mehr als nur Zeitvertreib. Und für die Frauen ist die Küchenarbeit ein Symbol der Stärke und des Glückes.

Um mich langsam an die Zeit im Altersheim zu gewöhnen habe ich deswegen das Alterszentrum Klus Park ausgesucht. Ich möchte einmal im Monat hier Abendbrot essen und herausfinden, ob die Zeit der Ährenlese schon angebrochen ist.

Zuerst muss ich aber auf Toilette. Auch ein Vorteil der städtischen Altersheime: Wenn kein Klo in der Nähe ist, lohnt sich ein Besuch im Altersheim gleich doppelt. Fast hätte ich aber beim Spülen an eine Schnur gezogen, die den Notruf ausgelöst hätte. Neben der Toilette befindet sich eine kleine Kapelle. Und fast wäre wieder ein Unglück geschehen. Gerade im richtigen Moment habe ich das Schild gesehen, das den Besucher warnt: Wer ab 17 Uhr die Tür aufmacht löst einen Grossalarm aus. Und dann – tatütata – kommt die Feuerwehr und verlangt 1500 Franken für den Falschalarm.

Das will ich aber nicht. Heute reicht mir das warme Buffet für 16 Franken. Ich bekomme: Griesbrei, drei Kugel Kartoffelstock (sehen aus wie Vanillekugeln), gedünstete Möhren und einen Salatteller.

Ich erhalte einen schönen Sitzplatz vis-à-vis eines Wandtablars. Da stehen stolz zwei Dutzend Schachpokale. Ich beginne zu essen und überlege mir schon beim ersten Löffel , FdH (Friss die Hälfte) zu machen. Wie schon oben erwähnt, will ich die Sache langsam angehen. Ich denke, in einem Jahr, bin ich bereit, den ganzen Teller zu essen.

Ich höre Gespräche aus der Küche: Bewohner X und Bewohnerin Y sind heute gestorben. ich stocke. Die Lust am Griesbrei ist mir vergangen.
Goethes Wandrers Nachtlied kommt mir in den Sinn:

Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Dann aber höre ich Gesprächsfetzen von nebenan.  Zwei Bewohnerinnen tauschen sich aus: Betreuerin Z wurde gekündigt. Sie soll sich unmöglich verhalten haben. Plötzlich höre ich einen Schrei: «Gutzi!» Eine Kellnerin (wahrscheinlich Gutzi) eilt zu einer Frau im Rollstuhl. Die betagte Frau will wissen: «Wo ist meine Schokolade?» Die Kellnerin antwortet sanft: «Aber Frau Meier (Name der Frau geändert), Schokolade gibt’s doch nur freitags.»

Eine Fliege kreist über meinen Salat. Ich verscheuche sie Richtung Rollstuhl. «Gutzi!» Ich fahre zusammen. Die Kellnerin rennt nochmals zur Frau. «Gutzi, töten sie die Fliege.»

Aber die ist längst weg. Ich auch. Aber ich komme wieder. In einem Monat.

Der Beitrag «Gutzi, töten sie die Fliege» erschien zuerst auf Stadtblog.


Hier: zum vollständigen Artikel «Gutzi, töten sie die Fliege»

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/10/13/gutzi-toeten-sie-die-fliege/«Gutzi, töten sie die Fliege»

Dem Author ist es gelungen ein schwieriges Thema ansprechend und interessant zu besprechen

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