Frisch aus Zürich – topaktuell: Haben Sie etwas zu verbergen?

Sehr fundierter Bericht, die Lesezeit ist gut investiert.

Politblog

Privates muss privat bleiben. Zum Beispiel ein Telefongespräch unter Freunden. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Die Standardreaktion des Gegenübers, wenn ich mich für Datenschutz einsetze, ist oft: «Ich habe nichts zu verbergen. Also brauche ich keinen Datenschutz.» Zwar schränken die meisten diese Aussage dann doch ein. Das Passwort zu ihrem Mailaccount würden sie mir nicht überreichen. Und sie veröffentlichen auch nicht regelmässig alle Bewegungen auf ihrem Bankkonto. Dennoch bleiben sie überzeugt: Privatsphäre ist etwas für Böse, für Menschen, die etwas zu verstecken haben.

Wer so argumentiert, hat fundamental missverstanden, was Privatsphäre heisst. Es geht nicht ums Verstecken. Sondern es geht um Kontrolle. Und zwar darum, zu kontrollieren, welche Informationen in welches Umfeld gehören.

Wenn ich einem guten Freund von Lebensängsten beichte – oder von meinen Träumen erzähle, den tollen Job zu schmeissen und nochmals ganz etwas anderes zu beginnen, dann ist das nichts Böses, schon gar nicht etwas Verbotenes. Aber es ist etwas, das nur mich und meinen guten Freund angeht. Wenn ich meiner Frau ins Ohr hauche, warum ich sie liebe und begehre, dann ist das für sie bestimmt, und für niemanden sonst. Das hat alles seinen Platz und seine Richtigkeit. Aber wenn man es aus diesem Zusammenhang reisst, wird es im besten Falle unpassend, oft peinlich oder im schlimmsten Fall schadet es mir gar.

Ich ist ein anderer

Der Mensch braucht die Privatsphäre darum, weil Privatsphäre das Recht ist, als Mensch verschiedene Seiten und Facetten zu haben. Der Mensch ist nicht nur ein biologisches Wesen, sondern auch ein Gesellschaftstier. Das heisst, er baut mit seinen Mitmenschen unterschiedliche Beziehungen auf, befreundet sich, grenzt sich ab.

«Ich ist ein anderer» sagte der französische Dichter Arthur Rimbaud. Ein verwirrender Gedanke. Er inspirierte eine ganze Tradition der Psychoanalyse. Aber ganz banal formuliert, kann man ihn durchaus so verstehen: Ich bin immer ein anderer. Am Arbeitsplatz, beim Bewerbungsgespräch, am Rednerpult, bei der Einladung mit Freunden, beim Spiel mit Kindern, zu Hause im trauten Gespräch. Ich bin immer ein anderer, kommuniziere anders und anderes – ohne dass ich etwas zu verbergen hätte.

Und es geht nicht nur ums Kommunizieren. Auch im heissesten Sommer stehe ich nicht nackt vors Publikum, wenn ich einen Vortrag halte. Und wenn ich auf die Toilette gehe, schliesse ich eigentlich immer die Tür. Sonderbarerweise wird dies nie kritisiert. Keiner käme auf die Idee zu fragen: «Was hast du zu verbergen?»

Dass der Kontext von Daten relevant ist, zeigte sich auch bei der Debatte um die beiden neuen Überwachungsgesetze für die Strafverfolgung (Büpf) und Geheimdienst (NDG). Die Befürworterinnen und Befürworter führten oft ins Feld, dass es doch absurd sei, dem Staat nicht Zugang zu den Daten zu geben – wenn wir doch privaten Firmen oft viele dieser Daten freiwillig geben. Ich konterte jeweils, dass meine Bank auch all meine Kontobewegungen kennt. Der Staat aber nicht. Und das ist auch gut so. Selbst beim sogenannten automatischen Informationsaustausch wird nur ein Bruchteil dieser Informationen unter Staaten ausgetauscht, weil der Rest nicht relevant dafür ist, um mögliche Steuersünder aufzudecken.

Die grosse Herausforderung der Zukunft ist es nicht, ein flaches, leeres, langweiliges Leben ohne Privatsphäre zu leben. Sondern technische Hilfsmittel zu finden, die es uns auf einfache Weise ermöglichen, auch in der Flut aller Daten die Kontrolle darüber zu behalten, welche Daten in welchen Kontext gehören.

Der Beitrag Haben Sie etwas zu verbergen? erschien zuerst auf Politblog.


Click: zum ausserordentlich tollen Eheringe-Text Haben Sie etwas zu verbergen?

http://blog.tagesanzeiger.ch/politblog/index.php/66286/haben-sie-etwas-zu-verbergen/Haben Sie etwas zu verbergen?

Der Autor dieses Textes hat gute Arbeit geleistet: Kurzweilig und doch interessant!

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