Nachricht aus Zürich: Das Schweigen der Männer

Der Text trifft den Nagel auf den Kopf

Eigentlich ist die Grenze zwischen Flirt und Belästigung klar. Foto: iStock

Eigentlich ist die Grenze zwischen Flirt und Belästigung klar. Foto: iStock

Frauen erklären derzeit Männern, was im Umgang mit dem anderen Geschlecht nicht okay ist. Das ist offensichtlich nötig, denn wie die unschönen bis schrecklichen Erlebnisse zeigen, über die Frauen unter den Stichworten #notokay und #SchweizerAufschrei berichten, wissen viel zu viele Männer nicht, wo das Kompliment aufhört und die Belästigung anfängt.

Auf der anderen Seite muss aber auch jemand zuhören. Die gehässigen Reaktionen, die viele Männer in sozialen Medien von sich geben, lassen vermuten, dass hier kein Dialog zustande gekommen ist. Statt nachgefragt, wieso dieses oder jenes Verhalten als sexistisch empfunden wurde, wird erklärt, wieso die Betroffene falsch liegt.

Schweigen ist respektlos

Die grosse Mehrheit der Männer beteiligt sich an dieser Auseinandersetzung nicht. Sie schweigt. Das ist erstens schade, denn eines hat dieser Aufschrei nicht verdient: nicht ernst genommen zu werden. Auf die Einforderung von Respekt mit Nichtbeachtung zu reagieren, ist ziemlich respektlos. Zweitens ist das Schweigen aber auch bezeichnend. Es ist das Verhalten, das Männer gern an den Tag legen, wenn sie im Alltag Sexismus antreffen. Der deplatzierte Spruch am Arbeitsplatz, der geifernde Onkel am Familientisch, die bedrängte Frau an der Bar – wie oft wird einfach geschwiegen?

Auch Männer müssen sich dem Sexismus entgegenstellen. Das gilt nicht nur für jene, die ihre Hände nicht bei sich behalten können. Auch wer sich anständig benimmt, trägt eine Mitverantwortung dafür, welches Verhalten in einer Gesellschaft akzeptabel ist. Wer bei sexistischem Verhalten schweigt, mitlacht oder wegsieht, signalisiert, dass da ja nichts Falsches passiert ist – und zwar sowohl der Frau als auch dem Mann. Einem Stadtpräsidenten, der im Berufsleben einer Frau eine Hand aufs Knie legt, muss jemand die Hand auf die Schulter legen. Dem Personalchef, der sich bei einem Betriebsausflug über eine Logistikerin lustig macht, die stark geschminkt zur Arbeit erscheint, muss jemand widersprechen. Den Mann, der im Tram seine Hand in der Hose hat, muss jemand stoppen.

Die Grenze ist klar

Jene, die sich der Debatte über Sexismus entweder entgegenstellen oder sich nicht auf sie einlassen wollen, haben eine ganze Reihe von Rechtfertigungen parat. Sie reichen von kruden Männer-sind-halt-biologisch-auf-Sex-programmiert-Erklärungen bis hin zu ernster zu nehmenden Bedenken, wenn man diese Diskussion eröffne, führe dies zu einer vergifteten Atmosphäre, in der weder anständige Komplimente noch differenzierte Kritik mehr möglich sei. Wiederum andere stören sich am Absender und mögen sich nicht mit Feministinnen verbünden.

All diese Argumente überzeugen nicht, denn sie gehen der entscheidenden Frage aus dem Weg: Worin unterscheidet sich akzeptables von nicht akzeptablem Verhalten? Diese Grenze ist nicht so schwierig zu ziehen, wie man angesichts der vorgebrachten Bedenken meinen könnte. Es geht nicht darum, dass jegliches werbende Verhalten und jeder dumme Spruch unangebracht wäre. Nein, es geht schlicht darum, das Gegenüber als Mensch mit eigenen Interessen, eigenem Willen und eigenen Empfindungen zu behandeln. Dazu gehört, sich zu überlegen, ob ein anzüglicher Spruch in einem bestimmten Kontext angebracht ist. Dazu gehört, vorher abzuschätzen, ob eine Berührung als unangenehm empfunden werden könnte. Dazu gehört, sich zu achten, ob ein Kompliment auf Anklang stösst. Wer hingegen jemanden zu Sex auffordert, ohne vorher entsprechendes Interesse signalisiert erhalten zu haben, wer auf eine Abweisung mit Beschimpfungen reagiert, wer meint, einen Anspruch darauf zu haben, mit jemandem zu flirten – alle jene behandeln den anderen Menschen als Instrument, um seine eigenen Wünsche zu befriedigen.

Lesen Sie zum Thema auch die Analyse von Michèle Binswanger«Hört auf zu flennen, ihr Memmen!»

 

Der Beitrag Das Schweigen der Männer erschien zuerst auf Politblog.


Click: zum interessanten Eheringe-Text Das Schweigen der Männer

http://blog.tagesanzeiger.ch/politblog/index.php/66297/das-schweigen-der-maenner/Das Schweigen der Männer

Dem Author ist es gelungen ein schwieriges Thema ansprechend und interessant zu besprechen

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