Frisch aus Zürich – Topnews: Die Frechheit, «nein danke» zu sagen

Fundierter Artikel, Lesen und Geniessen!

Genug vom Fortschrittsargument: Demonstrationswanderung vor dem AKW Beznau. (Keystone)

Genug vom Fortschrittsargument: Demonstrationswanderung vor dem AKW Beznau. (Keystone)

Ende Monat stimmen wir wieder einmal über eine Glaubensfrage ab. Für ihre Gegner ist der Widerstand gegen die Atomkraft identitätsstiftend, und das ist schnell erklärt: Er stand an der Wiege der modernen Umweltbewegung als einer
Bewegung, die gesellschaftspolitisch denkt, statt nur «unberührte Natur» schützen zu wollen – wie die ältere Naturschutzbewegung. In den USA bildete sich die Umweltbewegung um 1970 im Widerstand gegen Pläne der Regierung, wider jede ökonomische Vernunft zivile Überschallflugzeuge zu bauen. Dieselbe Rolle spielte in Teilen Europas die Atomkraft. Als grünes Ur-Anliegen ist die Ablehnung der Atomkraft so dominant, dass der Kampf gegen Erdöl, Erdgas und Kohle in der ökologisch motivierten Energiedebatte manchmal etwas zu kurz kommt.

Aber warum ist die Atomkraft auch für ihre Befürworter eine Glaubensfrage? Sie verstehen sich ja mehrheitlich als liberal, propagieren den freien Markt und verabscheuen Subventionen. Die Atomspaltung ist eine Technik, die es ohne staatliche (nämlich militärische) Finanzierung nicht gäbe und die ohne Staatsgarantien nie konkurrenzfähig sein könnte: Die Versicherungsprämien wären unbezahlbar, müssten die Betreiber das volle Risiko auf dem Markt versichern.

Das atomare Credo

In der Frühzeit der Atomforschung, in den 1950er- und früheren 60er-Jahren, hatte die Elektrizitätswirtschaft kein Interesse an Atomkraftwerken. Das änderte sich erst, als Reaktoren mit militärischen Geldern entwickelt und von den USA aus aussenpolitischen Gründen zu Dumpingpreisen exportiert wurden. Es waren (auch in der Schweiz) zuerst Militärs, die die Atomkraft wollten; sowie Physiker, die mit behauptetem ökonomischem Nutzen ihre prestigereiche, aber teure Forschung legitimierten.

Es ging den Atombefürwortern aber nie um eine Kosten-Nutzen-Abwägung. «Die atomare Herausforderung» war der Titel eines 1968 in Zürich erschienenen Buchs, Untertitel: «Wir stehen vor der Wahl: Fortschritt oder Untergang». Das illustriert schön, worum es ging: um ein Credo. Noch martialischer drückte sich Wolf Häfele aus, der Direktor des deutschen Reaktorforschungszentrums in Karlsruhe: Unternehmungen wie die Atomkraft «gehören zum Sichbehaupten eines Volkes (…) auch dann, wenn der dafür zu zahlende Preis fantastisch sein wird». Dabei war Häfele durchaus kein Feind erneuerbarer Energie: Alle Energietechniken werde man nutzen müssen, schrieb er 1977. Er glaubte, man werde – zusätzlich zu Atomkraftwerken und schnellen Brütern! – Flächen in der Grössenordnung der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche mit Solarpanels bedecken müssen.

Grosse Dimensionen vs. Alternativen

Die grundlegenden Verwerfungslinien in der Energiedebatte verlaufen nicht zwischen erneuerbar und nicht erneuerbar, nicht zwischen energetischer Planwirtschaft und freiem Energiemarkt. Sie verlaufen zwischen einem Denken in grossen Dimensionen, gepaart mit einem Glauben an die Macht der Technik, auf der einen Seite und einem Denken in Alternativen, gepaart mit dem Glauben an die Gestaltbarkeit der Gesellschaft, auf der anderen Seite.

Als die Überschallflug-Gegner in den USA die machtgewohnten Technokraten besiegten, waren diese völlig überrumpelt. Als Langhaarige, Familien mit Kindern, biedere Bürger in Kaiseraugst 1975 das Baugelände besetzten, erschreckten sie das hiesige Establishment. Zwar war die vermeintlich revolutionäre Atomkraft-Gegnerschaft insgesamt eine ziemlich bürgerliche Allianz. Und doch war der Schreck nicht unberechtigt: denn das waren Leute, die nicht mehr bereit waren, die Behauptung vom zwangsläufigen «Fortschritt» einfach so hinzunehmen. Die sich erfrechten, «nein danke» zu sagen.

Wenn heute Politiker, die sonst wirtschaftsliberal denken, an der Atomkraft festhalten, ist das ein Nachhall dieses Schrecks. Auch wenn manche der heutigen Glaubenskrieger zu Zeiten von Kaiseraugst noch gar nicht geboren waren.

Der Beitrag Die Frechheit, «nein danke» zu sagen erschien zuerst auf Politblog.


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Dem Author ist es gelungen ein schwieriges Thema ansprechend und interessant zu besprechen

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