News aus Zürich: Neues vom Strichplatz

Der Text trifft den Nagel auf den Kopf

gimes-neu

Vor paar Tagen trank ich Kaffee im Odeon mit einer jungen Soziologin aus Budapest, die nach Zürich gereist ist, um auf dem Strassenstrich Sozialarbeit zu machen. Ein Grossteil der Prostituierten kommt immer noch aus Ungarn, meine Bekannte erzählte von Frauen, deren Mütter schon hier angeschafft hätten, «sie sind stolz auf ihre Familientradition», sagte sie. Aber die Konkurrenz habe zugenommen. Der Strichplatz in Altstetten sei noch in ungarischer Hand, doch an der Langstrasse, wo der Sex teurer sei, stünden heute vor allem Bulgarinnen und Rumäninnen.

«Gibt es Revierkämpfe?», fragte ich. Nein, sagte meine Bekannte, die Zuhälter hätten sich untereinander abgesprochen. Sie reisten meist gar nicht mit nach Zürich, das Geld werde von Frauen eingetrieben, die in den Westen geschickt würden, um die Prostituierten zu kontrollieren. «Man spricht vom Kaposystem», sagte meine Bekannte: Kapos nannte man Aufseher im Konzentrationslager, die unter den Häftlingen ausgewählt wurden.

Kämpfe gebe es eher unter den Frauen, erzählte sie, «Eifersucht oder Mobbing gegen die Schwachen, die geplagt werden, bis sie nach Hause gehen».

Meine Bekannte schreibt eine Doktorarbeit über ungarische Prostituierte im Ausland, sie war sechs Wochen in Zürich und hat neben ihrer Sozialarbeit Interviews gemacht und Tagebuch geführt. Sie hat auch in Amsterdam recherchiert und findet, die Prostitution sollte verboten werden; sie ist für die prohibitive Linie, wie sie Schweden und Frankreich verfolgen.

«Die Gesellschaft muss ihre Verantwortung wahrnehmen», sagte sie, «es gibt kein moralisch vertretbares Argument, warum sich Frauen prostituieren sollen.»

«Ausser sie wollen gutes Geld verdienen», sagte ich. «Auch dann gehen sie diesen Weg aus einer Notlage heraus», antwortete sie. «Es gibt immer ein Gefälle. Der Freier hat immer das dickere Portemonnaie.»

Wenigstens hätten die Prostituierten im liberalen Klima von Zürich die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten, sagte ich, es gebe Frauen, die es ohne Freier schaffen. «Wenn man die Prostitution verbietet», sagte ich, «zwingt man die Frauen in die Illegalität, und sie brauchen erst recht einen Zuhälter, der sie beschützt.»

Die Frauen seien mit einem Bein immer in der Illegalität, antwortete sie. Sie würden ständig von der Polizei kontrolliert, ob ihre Papiere in Ordnung seien. «Zürich sabotiert seine eigene Grosszügigkeit», sagte sie.

«Es kommt ja auch vor, dass Frauen aussteigen», sagte ich, «meist mit der Hilfe von Frauenorganisationen.» – «Es ist nicht einfach», erwiderte meine Bekannte, «sie brauchen Schutz vor dem Zuhälter, neue Papiere, eine Arbeit, einen neuen Lebenssinn.»

«Was macht ihr eigentlich draussen auf dem Strichplatz?», fragte ich. «Wir sind einfach da. Besorgen einen Arzt, wenn die Frauen einen brauchen, oder einen Anwalt, wenn sie gebüsst werden.» – «Akzeptieren sie euch?» Ja, sagte meine Bekannte mit einem Lächeln.

Man merkte, dass sie überzeugt war, mit ihren Ansichten im Recht zu sein. Ich versuchte herauszufinden, warum sie so denkt. Vielleicht hat sie ein illusionsloses Bild von den Männern. Im Grunde habe ich keine Ahnung, was da draussen läuft. Zum Glück müssen wir nicht über ein Verbot abstimmen.

Der Beitrag Neues vom Strichplatz erschien zuerst auf Stadtblog.


Hier: ZUM SPANNENDEN ARTIKEL Neues vom Strichplatz

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/11/16/neues-vom-strichplatz/Neues vom Strichplatz

Der Artikel beleuchtet dieses topaktuelle Thema aus einem interessanten Blickwinkel. Spannend!

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