Nachricht aus Zürich: Marx vs Samichlaus

Lesenswerter Text zu diesem spannendem Thema aus Zürich.

Mit Bart und ziemlich rot: Samichlaus und Marx

Mit Bart und ziemlich rot: Samichlaus und Marx.

Als bekannter, linksgrün-versiffter Atheist sollte ich jetzt, da die Adventszeit vor der Tür steht, dauerempört sein. Mit moralischem Zeigefinger könnte ich über die unaussprechliche Kommerzialisierung eines eh schon unzeitgemässen, irrationalen, religiösen Festes lamentieren. «Oh weh», müsste ich jammern, «schon seit Oktober Weihnachtsdekoration im Blablabla!  Es geht nur ums Geld! Überall nur Gier und Kommerz!»

Stattdessen freue ich mich auf die Weihnachtszeit. Ihr wisst schon, Kerzen und Tee und Guetzli und so. Während Weihnachten in meiner Kindheit  eine eher deprimierende Angelegenheit war, in der sich die Familie mehr oder weniger alkoholisiert die Zeit nahm,  übers Jahr angesammelten Sticheleien und Gehässigkeiten genüsslich über die Punch-Tassen in die geröteten Gesichter der Sippe zu blasen. Natürlich bis irgendwer schrie oder weinte und die Kinder einpackte, um daheim weiter zu feiern.

Seit ich erwachsen bin – also seit ungefähr vier Jahren – liebe ich die Weihnachtszeit. Ich hab meinen eigenen Baum, lade nur Menschen ein, die ich mag und hab dabei offenes Feuer im Kamin. Die Adventsfilme, der Tee und Zimt und der ganze Kitsch. Super. Es gibt nichts Gemütlicheres.

Und die ganze Religion? Als Atheist?

Nun, ich hab keine Probleme mit der Figur des Jesus. Soweit ich seine Geschichte verstehe, war er ein linksalternativer Hippie, der sich gegen Konventionen auflehnte und lieber mit Pennern und Gaunern rumhing, als sich mit der Schickeria und dem Establishment abzugeben. Er wusch einer Prostituierten die Füsse und verbrachte seine Zeit in einer Gruppe von Jungesellen,  (Obacht, Evangelikale!) die alle keine Freundin vorweisen konnten.  Sicher war er Sozialist, wie seine Aktion gegen die neoliberalen Geldwechsler im Tempel ahnen lässt.

Er predigte Vergebung statt Rache, war also eher Pro-Kuscheljustiz, und teilte seine paar Brötchen und Fische mit Leuten, die Hunger hatten. Seine Eltern waren Flüchtlinge mit Migrationshintergrund und man könnte ihn wohl einer Patchwork-Family zuordnen. Vaterschaft und so.

Dass er wie alle grossen Persönlichkeiten eine narzisstische Störung hatte und sich in seinem Messiaskomplex für Gottes Sohn hielt, ist verzeihlich. Wir haben alle unsere kleinen Schwächen. Nein, mit Jesus hab ich kein Problem.

Und all der Kommerz?

Ich bin nicht wirtschaftsfeindlich. Ich liebe es, einmal im Jahr all meine Bekannten zu unterstützen, die in ihrem kreativen Wahn irgendeine Boutique eröffnet haben. Ich poschte dort überteuerte Weihnachtsgeschenke, mit deren Ertrag sie wieder bis Mitte Januar ihr Hipsterleben leben können. Eine gestrickte Designermütze eines Ortsansässigen da, ein selbstgetöpfertes Irgendwas eines Kunsti-Absolventen hier, begleitet von fussgemalten Karten glücklicher, aus dem Regenwald geretteter Schimpansen. Dazu die Spendenquittungen von allen genehmen Hilfsorganisationen. Ja, die Weihnachtszeit macht einen Gutmenschen wie mich glücklich.

Ich bin jetzt sogar Teil des Systems. Während meine alten Genossen bei einem Bärtigen mit Hang zu Rot wohl eher an Marx denken, werde ich daran erinnert, dass ich dieses Jahr der Samichlaus in meiner Gemeinde bin. Nicht dass ich mit dieser patriarchalen, autoritären Figur etwas anfangen könnte. Dazu erinnere ich mich viel zu gut an die Ängste, die ich ausstehen musste, wenn der alte Knacker wieder fällig war. Ich bewaffnete mich mit meinem Sackmesser, um mich im aus dem Sack schneiden zu können, falls er mich mitnähme.

Aber man muss das System von innen her unterwandern. Und so werde ich zu den Kindern wohl viele Sachen sagen, über die die Eltern vielleicht etwas konsterniert sein werden.

Ausserdem kann ich so etwas Medienkompetenz vermitteln. Wenn mich die Kleinen fragen, woher ich soviel über sie wisse, kann ich einfach antworten: «Von der NSA, Whatsapp, Google und Facebook». Die werden sich dann in Zukunft hüten, irgendwelche vertraulichen Sachen online zu stellen.

Hach, Weihnachtszeit. Ich freu mich!

Der Beitrag Marx vs Samichlaus erschien zuerst auf Stadtblog.


Klick HIER: ZUM LESENSWERTEN ORIGINALARTIKEL Marx vs Samichlaus

http://blog.tagesanzeiger.ch/stadtblog/2016/11/21/marx-vs-samichlaus/Marx vs Samichlaus

Dem Autor ist es gelungen den Text kurz und doch umfassend zu verfassen.

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